Viele von uns waren schon oft in Berlin. Aber so haben wir die Stadt noch nie gesehen. Vom Wasser aus ist immer alles. Genau das reizt Robert vom Donauhort, die fröhliche Truppe für die Stadtrundfahrt anzumelden.
Die Besonderheit der Stadtdurchfahrt Berlin ist wie bei der Traversée de Paris oder der Voga Longa in Venedig, dass ein sonst für Ruderboote gesperrtes Stück Innenstadtgewässer freigegeben wird, und zwar nur für muskelbetriebene Wasserfahrzeuge. Normalerweise findet die Rundfahrt im Mai statt, diesmal aber wurde sie mit dem großen deutschen Wanderrudertreffen zusammen in den Spätsommer gelegt.
Am Donnerstag den 11. September trudeln wir also beim Ruderclub am Wannsee (RAW) ein und staunen nicht schlecht über das große historische Bootshaus mit Restaurant, „Ökonomie“ nennt man das hier. Der Betreiber serviert mit knorriger Kühle Königsberger Klopse, die herrlich schmecken, so wie das frisch gezapfte Bier. Einige von uns übernachten in den Schlafsälen des Ruderklubs. Wir begreifen schnell, hier rudert man in größeren Dimensionen.
Vom Donauhort mit dabei sind neben Robert auch Bernhard, der seine erste Wanderfahrt wagt, Rike und Manni, Angelina und Franjo, Nadja, Andrea, Florian und Lena. Der Ruderklub Pirat ist durch Alice, Thomas, Christoph und Elisabeth vertreten. Weil Florian und Lena nur am Samstag dabei sind, springen die Ägirstöchter Corinna und Anne von Berliner Ruderclub Ägir (am Müggelsee) am Freitag ein. Irene aus Wien ist beim RAW Mitglied und bürgt für uns. Wir benehmen uns (fast) tadellos.
Am Freitag den 12. September steigen wir in die alten Holzboote „Bodenwerder“, „Michael Knöfler“ und „Irma“, die wir bald liebevoll „Irmi“ nennen, immerhin sollen ihre wohlgeformten Rollsitze ja besonders nett zu den Damen sein. Unser Ziel für heute ist der Rudergesellschaft Wiking, ein guter Ausgangspunkt für die Innenstadt-Tour am Samstag.
Wir rudern über den kleinen Wannsee, Pohlesee, Stölpchensee, Prinz-Friedrich- Leopold-Kanal und am Anfang des Griebnitzsees biegen wir in den Teltow-Kanal ab zu der ersten Schleuse Kleinmachnow. Wir lernen, dass man an der Schleusenmauer einen Obolus zurücklässt. Da wir kein Kleingeld haben, kleben wir einen Fünf-Euroschein an die Leiter der Schleusenmauer und legen danach unsere erste Pause ein.
Wo wir mühelos rudern, verlief einst die Grenze zwischen BRD und DDR. Wir rudern also genau am ehemaligen „Eisernen Vorhang“. Manche Wasserwege waren damals gar nicht passierbar, andere eine Todeszone, erfahren wir. Auch Männer und Frauen trainierten damals noch getrennt, die Männer in prunkvollen Klubhäusern, die Frauen in bescheideneren Häuschen abseits.
Entlang des engen Teltow-Kanals bezeugen Industrieruinen vergangene Zeiten. Wir passieren auch das alte Flughafengelände Tempelhof. Auf den letzten Metern für heute legen wir beim Shopping-Center Tempelhofer Hafen an, bloß so auf einen sonnigen Aperol Spritz. Die Kulisse: Das Ullsteinhaus, ein imposantes Backsteingebäude aus den 1920-ern mit Uhrturm. Der Verlag war damals Europas größtes Verlagshaus.
Auch bei der Rudergesellschaft Wiking angekommen erwartet uns Geschichte. Denn dieser Verein erinnert an seinen berühmten Deutschlandachter bei den Olympischen Spielen 1936, der gegen die „boys in the boat“ aus den USA verloren hat. Das Boot hängt über der Bar in einem ebenfalls prächtigen Bootshaus. Dort tummeln sich am Freitag schon Ruder-Teams aus ganz Deutschland. Irene rollt ihr „Kleines Schwarzes“ aus dem Bootssack, verwandelt sich mühelos in eine elegante Berliner Theaterbesucherin und verlässt uns. Ruderinnen können das.
Am Samstag geht es dann los in Richtung Innenstadt. Fast alle kommen feierlich im Vereinsdress, das Fähnchen am Boot darf auch nicht fehlen. Jetzt geht es auf der Spree an den silbernen Molecule Men und an der Oberbaumbrücke vorbei in Richtung Mühlendamm Schleuse.
Dort bildet sich ein großer Stau, ein buntes Mikado-Spiel aus dutzenden Ruderbooten wartet auf Einlass in die Stadt. Nachdem der Schleusenmeister mit einem dreifachen Hipp-Hipp-Hurra geehrt wird, geht es an Bode-Museum, Humboldt- Forum und Berliner Dom vorbei, den Fernsehturm Alex im Blick, in Richtung Reichstag, ARD-Gebäude und Bundeskanzleramt. Es folgt eine Schleusung durch die Schleuse Charlottenburg.
In Spandau geht die Spree in die Havel über, wir steuern wieder Richtung Wannsee. Eine kurze Rast beim Spandauer Ruderclub Friesen, wo wir in der „Ökonomie“ einen redseligen Opernsänger aus Südafrika antreffen. Er verspricht für uns auch in Wien zu singen und zu kochen. Denn er ist bekannt als „The Cooking Tenor“. Klingt gut.
Im goldenen Abendlicht erreichen wir wieder den Wannsee. Die Großstadt weicht einer Idylle aus Wald, Segelbooten und Strandkörben am Sandstrand des berühmten Strandbad Wannsee. Erbaut in den 1920-ern im markanten Stil der Neuen Sachlichkeit, war es einst ein Sommerparadies für weniger Betuchte. Wir legen am anderen Ufer an, beim Ruderklub Welle Poseidon. Und wieder trifft uns die Geschichte mit voller Wucht.
1933, als Juden und Nicht-Juden nicht mehr miteinander rudern durften, entschlossen sich alle Nicht-Jüdischen Mitglieder des Ruderklubs auszutreten, damit ihre jüdischen Freunde dort gemeinsam rudern konnten. Es war ein starkes Zeichen des Widerstands. Nicht irgendwo. Einen Steinwurf entfernt ist die Villa, in der 1942 die Wannsee-Konferenz stattfand und die Nazis mit grausamer Präzision die sogenannte „Endlösung“ zur Auslöschung der Jüd:innen planten.
Mit müden Beinen und voller Eindrücke lassen wir die Boote zurück, um sie am nächsten Tag zum Ruderklub Wannsee gegenüber zurückzubringen. Gesamtleistung: 75 Kilometer. Wir beenden die Wanderfahrt mit einem schönen gemeinsamen Abendessen und danken dem Ruderklub Wannsee für die Gastfreundschaft. Die Anmeldung zur Stadtrundfahrt erfolgt unkompliziert und form- und beitragslos beim LRV Berlin – Dank an Angela.
Robert B.
